31.05.2012, Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Erbprinzenstr. 15
17:00 Führung durch die Ausstellung “Chiffren”
18:30 Vortrag von Dr. Achim Heidenreich, Musikwissenschaftler, Karlsruhe “Ich war Hamlet”: Wolfgang Rihms frühe Opern im Kontext der ästhetischen Diskussion bei den Zeitgenossen
Im Vortrag: Musikalischer Beitrag Nico Sauer: “Überwandlung” für Violine und Klavier Klavier: Tayuko Nakao, Violine: Anja Gerter
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“Wolfgang Rihm ist sich seiner früh formulierten Inspirationsästhetik seit seinen Darmstädter und Donaueschinger Anfängen vor knapp dreißig Jahren treu geblieben. Sein Credo „Ich will bewegen und bewegt sein, alles an Musik ist pathetisch“,[1] gilt heute noch. Von seiner 1992 in Hamburg uraufgeführten Oper „Die Eroberung von Mexico“ aus, u.a. 2001 in Frankfurt von Regisseur Nicolas Brieger mit berückender Intensität inszeniert, lässt sich daher recht problemlos ein roter Faden zurück zu seinem 1976 entstandenen und mittlerweile ganz zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Erstlingswerk „Faust und Yorick“ nach Jean Tardieu spinnen. Denn schon damals suchte Rihm ein klangliches missing link zwischen seiner musikalischen Subjektivität und den französischen Theateravantgardisten, von denen Antonin Artaud dann so wichtig für sein gesamtes Schaffen werden sollte.
Rihms noch recht brave Musik zu dem surrealistisch-absurden Libretto von „Faust und Yorick“ über einen Wissenschaftler auf der Suche nach dem größten Menschenschädel strömte dennoch schon aus jenem unzerteilbaren Akkord Anatomie-Idee-Klang heraus, den der Komponist mit seinen unberechenbaren Schwankungen zwischen gefährdet wirkendem Lyrismus und nicht nicht minder obsessivem Auspendeln dynamischer Extreme gewissermaßen immer wieder neu imaginiert. An Antonin Artauds grausam-theatralischem Körperspiel dockte Rihm mit dem Poème dansé „Tutuguri“, 1982 in Berlin uraufgeführt, dann unmittelbar an. Mit gleichsam reflexartiger Lautlichkeit – Symbol einer „Musik am Wachstumsort“ -, mit martialischen und auch mit einbruchsartig reduzierten Mitteln wurde die Musik amöbenartig komponiert.
So war es nur konsequent, dass mit „Hamletmaschine“ (UA Mannheim 1987) nach den erratischen Textblöcken des ebenfalls von Artaud beeinflußten Heiner Müller ein Ende musikalischen-narrativen Erzählens formuliert wurde: Wider die Metapher. Seitdem steht das veränderbare und in seinen Bestandteilen flexibel auf die Aufführungssituation reagierbare „work in progress“ zumindest gleichwertig neben weiterhin abgeschlossenen Werken.”
[1] Junge Avantgarde, in: Neue Zeitschrift für Musik Nr. 1
(1979), S.7.
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Die HfG-Ringvorlesung “Musik baut Europa”
findet in Kooperation mit der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe, der Hochschule für Musik Karlsruhe, dem Zentrum für angewandte Kulturwissenschaft des Karlsruhe Institute of Technology (KIT), dem Studium Generale des KIT und dem ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie statt.
Bei der Ringvorlesung werden Wissenschaftler, Journalisten und Künstler Bereiche der Musikproduktion in Europa auf unterschiedliche Weise umreißen. Sie werden bildungsrelevante und ästhetische Fragen ebenso gleichwertig diskutieren wie auch historische und ökonomische Kontexte befragen. Der Diskussionsbogen wird dabei von den Anfängen musikalischer Fixierung und Tradierung bis zum Werk von Wolfgang Rihm geschlagen.